Avantgarde im Pavillon

In Weil am Rhein steht der erste Pavillon hinter der Schweizer Grenze. Nein, kein Zelt, sondern ein modernes Gebäude aus Beton und Glas. Ideal dazu geeignet, eine Uhrenmarke auf 700 Quadratmetern avantgardistisch zu präsentieren. Der Zaha-Hadid-Pavillon wurde von der irakischen Stararchitektin Zaha Hadid für die Landesgartenschau 1999 geplant. Wer anders sollte diesen Pavillon im Jahre 2015 anlässlich der zeitgleich stattfindenden Uhrenmesse „Baselworld“ gemietet haben, als der ehemalige Architekt und Bauingenieur sowie heutige Uhrendesigner Alexander Shorokhoff, dessen Manufaktur in unmittelbarer Nähe der Burg Alzenau eine Uhrenlinie mit dem Namen „Avantgarde“ fertigt.

Der avantgardistische Zaha-Hadid-Pavillon in Weil am Rhein
Eine ideales Ausstellungshalle für die Uhrenmanufaktur Alexander Shorokhoff
Inga, die Tochter Alexander Shorokhoffs, erzählte Neuankömmlingen die Story der Manufaktur
Zu jeder Modellreihe gibt es eine Story – diese ist dem Ort des Firmensitzes gewidmet
Die neueste Avantgarde orientiert sich an den Designelementen des ersten Modells
Nicht online, aber im Fachhandel erhältlich: Der „Glocker“ genannte Armbandwecker
Diese Neuheiten sind ebenfalls nur im Fachhandel erhältlich
Die „Vintage“-Modellreihe ist ausschließlich online erhältlich
Das Poljot 3133 Chronographen-Handaufzugswerk ist wunderschön finissiert
Ein Designwettbewerb sorgte für frische Uhrengestaltungsideen
Die Besprechungsecke im Pavillon lud während der Messezeit zum gemütlichen Plausch ein
Alexander Shorokhoff im Gespräch mit René Roland Katterwe

Avantgarde kommt nicht von ungefähr. Bis dahin war es für Alexander Shorokhoff ein weiter Weg. 1992 gründete er in Deutschland die Uhrenvertriebsgesellschaft Poljot-V GmbH und 1994 die Marke Poljot International. 

Mit dem Niedergang der russischen Uhrwerksherstellung wurde zum einen der Nachschub knapp und zum anderen standen die Marktpreise so sehr unter Druck, dass er beschloss, weitere Uhren zunächst mit russischen und dann mit Schweizer Uhrwerken unter seinem eigenen Namen als Markenbezeichnung zu fertigen.

Heute hat jede Uhrenlinie von Alexander Shorokhoff ihre eigene Geschichte. Da gibt es Jubiläumsuhren der Stadt Alzenau von 2005 und jetzt neu von 2015, eine der Stadt Istanbul gewidmete Verbindung zwischen zwei Weltreligionen, babylonische Tierkreiszeichen, ein von der Tradition Dubais inspiriertes, mit Saphirstaub verziertes Modell sowie eine Leo Tolstoi und seiner Heimatstadt St. Petersburg gewidmete Roulette-Uhr.

Alle diese Geschichten hier wiederzugeben, würde den Umfang dieser Story sprengen – doch sie von Inga, der Tochter Alexander Shorokhoffs, anlässlich des Besuches im Zaha-Hadid-Pavillon zu hören, hat mir als Journalist zu einem ganz neuen Blick auf die Marke verholfen. 

Als Alexander Shorokhoff sich 2013 ein Herz fasste, die erste Avantgarde, seine bis dato gewagteste Kreation, nach endlosen Diskussionen mit Mitarbeitern, Branchenkennern und Kunden auszustellen, spaltete er damit die Uhrenwelt und geriet u(h)rplötzlich ins Rampenlicht.

Eine Uhrenfirma auf dem Weg zur angesehenen und eher klassischen Manufaktur bringt eine künstlerisch gestaltete Uhr heraus, die allen Sehgewohnheiten widerspricht? Im Nachhinein kann ich Alexander Shorokhoff nur zu seinem Mut gratulieren. Anfangs stand ich etwas ratlos vor seiner Avantgarde, konnte sie nicht einordnen. So ging es ganz sicher vielen Uhrenliebhabern.

Heute, wo ich seine neueste Avantgarde-Herrenuhr mit den gleichen Stilelementen der damaligen Damenuhr an den Arm lege, stelle ich fest, dass ich mich nicht nur an das Design gewöhnt habe, sondern dass mir diese neue Kreation nun außerordentlich gut gefällt. Schließlich habe ich bereits mein ganzes Leben ein Faible für Kunst, nur gehört eben auch Mut dazu, diese Uhr zu tragen, jedenfalls für Männer. 

Die alles entscheidende Frage „Ist das Kunst, oder kann das weg?“ beantworte ich heute ganz klar mit: Ja, das ist Kunst. Dass Alexander Shorokhoff obendrein einen Designwettbewerb veranstaltet hat, dessen Gewinner er zur Preisverleihung in den Zaha-Hadid-Pavillon eingeladen hat, erscheint mir nun nicht als Marketing-Gag, sondern als künstlerischer Akt. Auch ein Designer lebt schließlich von Ideen.

Ergänzend erschienen in den letzten Jahren weitere Modelle mit den gleichen Stilelementen. Weniger aufregend und polarisierend, dafür harmonischer und tragbarer. Die Serie „Vintage“ ist in meinen Augen ein ganz großer Wurf. Allen voran der Chronograph mit russischem Handaufzugswerk 3133, welches in wunderschöner Finissierung durch den Glasboden sichtbar ist. Das Beste für watchguide-Leser: Die Uhren der Vintage-Linie sind im Gegensatz zu den anderen Uhren der Manufaktur ausschließlich online erhältlich, zu einem extra günstigen Preis in gewohnt guter Verarbeitung.

Ich bin froh, dass ich den Weg nach Weil am Rhein auf mich genommen habe. Als Journalist muss ich bisweilen zu den Leuten reisen, um zu wissen, wer sie wirklich sind. So bin ich bei Alexander Shorokhoff mehr als positiv überrascht, ja geradezu begeistert, zu erleben, dass seine Story nicht nur aus Marketingphrasen besteht, sondern dass er seine Story lebt, selbst der Designer ist und sich mit seiner Kunst, pardon, mit seinen Uhren identifiziert. 

Ich tue mich zwar immer noch ein wenig schwer, Alexander Shorokhoff zeitgleich mit dem französischen Architekten und Uhrendesigner Alain Silberstein zu nennen, doch im Grunde hat er nicht nur einen ähnlichen Background, er ist auch ähnlich avantgardistisch, nur nicht, was die Preise seiner Uhren angeht. Willkommen in der Avantgarde, Herr Shorokhoff!

Ob ein Wunsch offen bleibt? Ja. Schade, dass der „Glocker“ genannte Wecker bisher nicht auch in die Online-Kollektion mit aufgenommen wurde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden, bis dahin besuche ich für dieses Modell gerne auch einen Fachhändler der Marke.

Weitere Infos in der „Manufaktur-Boutique“ auf: www.alexander-shorokhoff.de

Text und Fotos: Roland Katterwe

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