Die größte Sammlung an Uhrenwissen in Europa

Die watchguide-Redaktion möchte ihren Lesern so viele Hilfen wie möglich für eine Kaufentscheidung an die Hand geben. Bei einem Besuch in der Bibliothek der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie (DGC) in Nürnberg konnten wir uns mit eigenen Augen überzeugen, dass hier ein beträchtlicher Teil des weltweiten Uhrenwissens für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Die Bibliothek der Deutschen Gesellschaft für Chronometrie ist in der Nürnberger Akademie beheimatet
Wie im Museum: Zahlreiche Museumsuhren zieren die Eingangshalle und die Gänge
Bibliothekar Dr. Bernhard Huber kennt die Bibliothek wie seine Westentasche
Dreibändiges Werk über Comtoise-Uhren mit seitenweise Fotos unterschiedlicher Modelle
Das älteste Buch über Uhren in der DGC-Bibliothek stammt aus dem Jahre 1732 (A.MDCCXXXII) …
Hier hat ein Uhrmacher sein ganzes Uhrenwissen per Hand niedergeschrieben
Diese aufwändige Reproduktion mit drehbaren Scheiben wurde zu Zeiten der DDR aufgelegt
Diese winzige Publikation reichte damals zur Erlangung des Doktortitels
380.000 eingescannte Zeitschriftenseiten mit Volltextsuche auf einer 2TB-Datenbank
Diese Tresoruhr sperrt den Banktresor am Wochenende mit hoher Ausfallsicherheit durch zwei Uhrwerke
Die Sonnenuhr zählt die schönen Stunden nur und ist ein Hinweis auf das Geschehen im Gebäudeinnern

Bibliothekar Dr. Bernhard Huber gab als gute Seele des Hauses stolz einen ausführlichen Überblick über die katalogisierten Publikationen sowie viele inte­ressante Details über Uhren, die Zeitmessung, Uhrmacher und Zeitschriften. Die Bibliothek lebt durch ihn, an ihn kann man sich mit jeder trotz Inter­net unklärbaren Frage über eine bestimmte an­tike Uhr wenden. Dabei stammt das meiste dort ge­speicherte Wissen noch aus der Zeit der Groß- und Taschenuhren, lange vor der Zeit der heute allgegen­wärtigen Armbanduhr.

Es gibt auch einen Fachkreis Armbanduhren inner­halb der DGC: Sein erklärtes Ziel ist es, Wissen rund um Armbanduhren weiterzugeben und zu vertie­fen - innerhalb der DGC wie auch beim interes­sierten Publikum, um das einzigartige Kultur­gut „mechanische Uhr“ in seiner heutigen Form leben­dig zu halten und gleichzeitig vorhandene Inte­ressen zu bedienen. So veranstaltet der DGC so­gar Uhrenseminare, bei denen der geneigte Interes­sent sich seine eigene Uhr bauen und diese schön finissieren kann.

Ziel der DGC-Bibliothek ist es, Uhrenwissen jeder­mann/frau zur Verfügung zu stellen. Genutzt wird die Bibliothek insbesondere von den Verbandsmitglie­dern und hauptsächlich privat, auch per Fernleihe: Etwa 200 Bücher pro Jahr gelangen auf dem Postweg zum Interessenten und wieder zu­rück in die Bibliothek. Darüber hinaus hat der DGC bisher bereits rund 80 Nachdrucke interessan­ter Bücher und Zeit­schriften über Uhren in Kleinauflage her­ausgegeben.

Lange wurde in der DGC diskutiert, ob der Verband eine Bibliothek betreiben solle. Durch eine glückli­che Fügung fanden sich in unmittelbarer Nachbar­schaft der Stadtbibliothek und des Nürnberger Stadtar­chivs ideale Räumlichkeiten im Gebäude der Nürnberger Akademie, dem Bildungs- und Informati­onszentrum der Nürnberger Volkshoch­schule mit Rund-um-die-Uhr-Bewachung und eige­nem Parkhaus.

Von 1892 bis 1990 wurde das Gebäude von der Baye­rischen Landesgewerbeanstalt zur Förde­rung des Mittelstandes und anschließend als Gewerbemu­seum genutzt. Seit 2002 ist hier die um­fangreiche Uhrensammlung des 2014 ver­storbe­nen Diplom-Kaufmannes, Diplom-Ingeni­eurs und Sammlers Karl Gebhardt ausge­stellt.

Eines der interessantesten Exponate in der DGC-Bib­liothek selbst ist übrigens die Tresoruhr: Sie sperrte freitags den Banktresor von innen ab und gab ihn erst montags wieder frei, um Bankdirekto­ren vor Erpressungsversuchen zu schützen. Da eine mechanische Uhr ausfallen kann, wurden zwei Uhrwerke parallel eingesetzt. So erhöht sich die Aus­fallsicherheit auf 1.000 x 1.000 = 1.000.000 Tage = ein Ausfall alle 3.000 Jahre, also in etwa so si­cher wie ein Kernkraftwerk. Großbanken setzten deshalb Tresoruhren mit drei Uhrwerken ein.

2003 zog die DGC-Bibliothek zunächst mit einer vergleichsweise überschaubaren Anzahl an Büchern über die Zeitmessung ein. Heute finden sich in der DGC-Bibliothek auf ca. 400 Regal­metern mehr als 20.000 erfasste Publi­kationen über die Zeitmessung, darunter unter anderem über 7.000 Bücher, über 4.200 Firmenschriften, mehr als 5.900 aktuelle und historische Auktions- und Verkaufskataloge (!) und über 2.200 Jahr­gänge von mehr als 120 verschiedenen Uhren­zeitschriften. Hinzu kommt das komplette Archiv der Firma Riefler mit der gesamten Korres­pondenz in 158 Leitz-Ordnern (über 40.000 Seiten!).

Ein weltweit einzigartiges Highlight ist die 2 TB umfas­sende Zeitschriftendatenbank, die Biblio­the­kar Dr. Bernhard Huber als ehemaliger Informatiker mit drei Helfern erfasst hat: Sie ermöglicht die Voll­text-Recherche in 380.000 Zeitschriftenseiten. Viel Spaß bei einem Besuch in der DGC-Bibliothek – es lohnt sich!

Text und Fotos: René Roland Katterwe

Anschrift der Geschäftsstelle:

Deutsche Gesellschaft für Chronometrie e.V.

Gewerbemuseumsplatz 2, 90403 Nürnberg

Öffnungszeiten:
Di 10:00 – 16:30, Fr. 15:00 – 18:00 Uhr

Tel.: 0911 / 2369823

Fax: 0911 / 2369824

Web: www.dg-chrono.de

Uhrenseminare der DGC:

www.dg-chrono.de/fachkreise/armbanduhren

Uhrensammlung Karl Gebhardt:

www.uhrensammlungkarlgebhardt.de

 

 

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