Hier kommt ihre "Alte" groß heraus ...

Das Familienunternehmen „Uhrmacher und Juwelier Flüthe“ wurde 1859 gegründet. Zeit für watchguide, Reinhold Flüthe und seine Kolleg(inn)en in Telgte bei Münster zu besuchen, denn die Werkstatt zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Sie hat sich neben dem Direktvertrieb eigener Armbanduhren mit Schweizer Uhrwerken insbesondere auf die Reparatur von Großuhren aller Zeiten spezialisiert.

Flüthe in Telgte hat sich auf die Restauration von Großuhren spezialisiert
Schlagwerke besitzen Tonfedern für den Stundenschlag
Uhrmachermeister Max Huckschlag mit einer komplizierten Tischuhr
Neben Armbanduhren können auch Großuhren zahlreiche Funktionen bieten
Großuhren, wohin man sieht: Hier werden die edlen Stücke geprüft
Reinhold Flüthe mit Großuhren, Drehbank und Werkzeug
Sogar für Spieluhren werden bei Flüthe Räder nachgefertigt

Die Fachliteratur in den Regalen spricht Bände: Hier und in den Köpfen der fünf Uhrmacher ist ein gewaltiges Uhrenwissen von der Damen-armbanduhr bis zur Turmuhr konzentriert. Geht der Besucher durch die Werkstätten, so zeigen sich ihm Uhrmacherwerkplätze mit Zeitwaagen, Drehmaschinen und anderen Spezialwerkzeugen bin hin zur Vorrichtungen zum Bläuen von Schrauben. Kommt ein Kunde mit einer Großuhr in den Laden, steht sämtliches Werkzeug bereit, sogar für die aufwändige Nachfertigung von Zahnrädern. Wenn es pressiert, kann die Arbeit nach fünf Minuten beginnen, obwohl normalerweise natürlich die Regel gilt: First in – first out.

Zahnräder nachfertigen? Wieso denn? Warum geht ein Zahnrad überhaut kaputt? Ganz einfach: Schlägt ein Lager aus, beispielsweise das des Federhauses, auf welches besonders starke Kräfte wirken, ändert sich das Zahnradspiel und die Federhausdose läuft unrund. Es ist also schlauer, ein Uhrwerk rechtzeitig zu ölen. Nun kann der Uhrmacher eine Laufbuchte in das Federhaus einsetzen und hoffen, dass dies zentrisch gelingt, oder eben eine neue Federhausdose anfertigen – da ist es dann praktisch, wenn der Uhrmacher die entsprechende Erfahrung und Ausrüstung eben auch für Großuhren besitzt.

Es ist also praktisch ein elitärer Kreis nur weniger Großuhren-Uhrmacher, der sich im "Fachkreis historischer Uhren Schloss Raesfeld" in einem Netzwerk mit knapp 50 Uhrmachern zusammen-geschlossen hat. Reinhold Flüthe, der die Großuhren-Uhrmacherei bereits in 5. Generation betreibt, hat seinen Meistertitel 1989 erworben und darf seit dem Jahr 2000 ergänzend den Titel "Restaurator im Uhrmacherhandwerk" führen.

Die Restauration von Großuhren betreibt er mit seinen Uhrmachern sowie einer Gemälde-Restauratorin und einer Holzrestauratorin. So können beispielsweise auch aufwändig bemalte Uhren in Museen restauriert werden. Die für ihn spannendsten Restaurationsarbeiten erledigte Reinhold Flüthe in den vergangenen Jahren mit einigen Kollegen im Peterhof in St. Petersburg, über dessen prächtigen Zarenuhren watchguide ja bereits in einer Story des Frankfurter Uhrenclubs berichtet hat.

Die für mich spannendsten Restaurationen vor Ort sind allerdings nicht die Standuhren und auch nicht die Armbanduhren, sondern Taschenuhren und Tischuhren mit Schlagwerk. So repariert Flüthe auch Uhren, bei denen Kollegen selbst in Ballungszentren passen müssen: Ein Kunde aus Köln erhielt dort bei der Reparaturanfrage für seine Minutenrepetitions-Taschenuhr die Auskunft: „Dieses Modell hat keinen Viertelstundenschlag.“ Nach dem Kuraufenthalt in Telgte gibt sie nun sehr wohl die Stunden, Viertelstunden und Minuten wieder – der Kunde hat derweil im Hotel übernachtet, sich das Münsterland angesehen und konnte seine Uhr am nächsten Tag wiederhergestellt in Empfang nehmen.

Kein Wunder, dass die Werkstatt eine hervorragende Reputation weit über die Grenzen des Münsterlandes hinaus genießt. Originalton Reinhold Flüthe: „Damit wir einen solch komplizierten Mechanismus überhaupt nachvollziehen können, filmen wir bisweilen sogar den Ablauf beispielsweise einer Minutenrepetition oder eines komplizierten Schlagwerkes und sehen uns dann gemeinsam mit unserer Auszubildenden das Video in Zeitlupe an.“

Ja, sie haben richtig gelesen: Flüthe ist ein Ausbildungsbetrieb und Auszubildende Alina Vomhof gehört ebenfalls zu einem sehr, sehr elitären Kreis: In ihrem Jahrgang ist sie eine von vier Auszubildenden der Uhrmacherschule, im Vorjahr waren es fünf Absolventen. Kein Wunder, dass Reparaturen mechanischer Uhren bisweilen etwas länger dauern – es fehlt manchmal schlichtweg an Uhrmachern.

Während selbst angesehene Juweliere meist ein bis zwei Uhrmacher und fünf Verkäufer beschäftigen, verhält es sich bei Flüthe im Münsterland genau umgekehrt: Fünf Uhrmacher werden von zwei Verkäuferinnen unterstützt. Allein dies gibt mir das gute Gefühl, nun eine erste Adresse für die Restauration von Großuhren zu kennen.

Da bin ich umso gespannter, welche neuen Armbanduhren Reinhold Flüthe in Kürze im Direktvertrieb mit neuer Website vorstellen wird. Schließlich habe ich die ersten spannenden Uhrwerks-Prototypen bei meinem Besuch bereits begutachten, aber noch nicht zur Veröffentlichung fotografieren dürfen ...

Weitere Infos unter: www.uhrenseminare-fluethe.de

Text und Fotos: René Roland Katterwe

Kleine mechanische Meisterwerke ...
... mit ausgefeilter Funktionalität ...
... die sich erst dem geschulten Auge erschließt
Ästhetisch ist der Anblick aber allemal
Uhrmacherin Stefanie Bräuninger bei der Reparatur einer Armbanduhr
Praktikant Frank Thimme mit einem Lot gebläuter Schrauben

 

Wer den Verkaufsraum betritt, ahnt wenig von der geballten uhrmacherischen Kompetenz
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