Helmut Sinn: 1916 – 2018

Im Alter von 102 Jahren ist Helmut Sinn, Frankfurter Unternehmerlegende und herausragende Persönlichkeit der Uhrenbranche, nach kurzer Krankheit am 14. Februar 2018 verstorben. Der Querdenker und Visionär prägte über viele Jahrzehnte die Entwicklung von Fliegeruhren und Chronographen. Pionier des Uhrendirektvertriebs, verwirklichte er entschlossen und beharrlich seine Ideen und scheute sich auch nicht, neue Wege zu gehen. Die Uhrenindustrie verdankt ihm viele Impulse.

Gerne erinnert sich die watchguide-Redaktion an ein Interview, das der Autor Stefan Schickedanz im Jahr 2009 mit Helmut Sinn geführt hat, und aus dem die nachfolgende Story hervorgegangen ist.

Sinn ist schon eine sehr spezielle Uhrenmarke, aber bei Guinand können nur noch die echten Kenner mitreden. Nachdem Sinn Spezialuhren durch Ausrüstung von Piloten zur professionell genutzten Kultmarke aufstieg, verkaufte Gründer Helmut Sinn 1994 – mit über 70 Jahren – die von ihm 1961 gegründete Firma an den früheren IWC-Ingenieur Lothar Schmidt. Doch den Uhr-Typ plagte alsbald die innere Unruhe. Mit 80 Jahren wagte er noch einmal den Wiedereinstieg ins Uhrengeschäft, doch das bekamen nur noch einige Insider mit. Der Unruheständler, der auch nicht selten die Wochenenden in seinem Geschäft verbrachte, kaufte kurz entschlossen die Schweizer Firma Guinand, die Sinn bereits als OEM-Lieferant verbunden war. Danach holte er die Produktion zu einem großen Teil nach Deutschland. Das war der Beginn seines zweiten unternehmerischen Frühlings. Der 1916 im französischen Elsass geborene Wahlfrankfurter machte als Insider-Tipp wieder von sich reden. Guinand, Jubilar und Chronosport: Diese Labels stehen seit 1996 für Sinns neue Kollektionen, die er wie schon zuvor über viele Jahrzehnte praktiziert, im Direktvertrieb aus seiner Firmenzentrale anbot. Die liegt heute in Frankfurt Rödelheim, unweit der alten Firma Sinn Spezialuhren, mit der Helmut Sinn jedoch seit seinem Ausstieg nichts mehr zu tun hat. Wer jetzt eine Uhr von der „uhrigen“ Legende kaufen möchte, muss sich an die Firma Guinand wenden. Unter dem Dach der 1865 gegründeten Traditionsmarke fasste der Unternehmer die drei Produktlinien zusammen. Alle neuen Modelle heißen also nur noch „Guinand“.

Helmut Sinn machte da weiter, wo er damals aufhörte. Wie von Sinn bekannt, steht auch bei allen Guinand-Uhren von Anfang an die reine technische Funktion im Vordergrund. Das liegt an den Wurzeln, der Fliegerei. Dort zählen nur Funktionalität und gute Ablesbarkeit. Lediglich beim ersten unternehmerischen Gehversuch ging Sinn gewisse Kompromisse ein: Der wegen schwerer Krankheit vorzeitig aus der Gefan­genschaft entlassene Luftwaffenpilot und Flug­lehrer mit Blindfluglizenz konnte in Nach­kriegsdeutschland nicht mehr seiner Leiden­schaft, der Luftfahrt nachgehen. Deshalb hielt er sich beruflich zunächst mit Souvenir-Uhren über Wasser. Die erste Sinn-Uhr hatte die Form eines Schoßhündchens und zwei Augen, die sich mit unterschiedlichem Tempo um sich selbst drehten, um Stunden und Minuten anzuzeigen, und war besonders bei amerikanischen GIs als Souvenir sehr beliebt.

Ansonsten entsprach die Hunde-Idee nicht der klaren, von Flugzeuginstrumenten geprägten Linie, die leichte Ablesbarkeit unter allen Einsatzbedingungen garantierte. Die fand Sinn dann Mitte der 50er, als er nach Jahren des Uhrenhandels begann, selbst entwickelte Fliegerchronographen zu verkaufen – die Geburt von Sinn Spezialuhren. Als die Bundeswehr wieder in die Lüfte aufstieg, tickten im Cockpit Sinn-Uhren. Das Unternehmen machte durch Direktvertrieb und zahlreiche Neuerungen wie Doppelstundenzeiger und GMT-Uhr von sich reden. Sinn flog auch wieder und fuhr einige Rallyes, darunter die 1953 ausgetragene Algier-Kapstadt, wo Sinn auf einem getunten Oettinger-Käfer den Klassensieg errang. Entsprechend flossen seine Erfahrungen aus solchen Abenteuern in seine professionell gehalten Uhren ein. 

Die Taschenuhren von Guinand sind unter Sammlern ebenfalls geschätzt. Außerdem legte Helmut Sinn eine kleine Serie von modifizierten originalen Zeppelin-Borduhren für Vorkriegs-Oldtimer auf. Weil er seinem Direktvertriebskonzept treu blieb, kann man derartige Preziosen noch recht günstig erstehen. Das absolute Highlight der 1996 begonnen neuen Zeitrechnung des ewigen Entrepreneurs ist zweifellos die international von Uhrenmagazinen und Mitbewerben beachtete WZU-5. Diese Weltzeituhr verfügt über fünf unabhängige Zeitzonen, die von einem einzigen modifizierten Unitas-6497-1-Werk angetrieben werden.

Inzwischen zog sich Helmut Sinn sukzessive aus der Firma zurück. Zeit hatte der eigenwillige Alte noch genug: „Ich will 103 Jahre alt werden.“ Und so machte der mehrfache Vater und Großvater, der nicht Opa sein wollte, wie immer annähernd das, was er sich in den Kopf gesetzt hatte ...

Mehr zu Helmut Sinn finden Sie im Buch „Männerspielsachen: Von Aggregaten, Armbanduhren und Actionsport“ von Stefan Schickedanz, Acabus Verlag Hamburg, ISBN 3941404466 (auch als eBook).

Text und Fotos: Stefan Schickedanz

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