Test: Borgward B2300R – der Tradition verpflichtet

Borgward-Uhren haben Geschichte. Es ist nicht die Geschichte einer Uhrenmarke, sondern die einer Automarke und die des damit verbundenen Mythos. Die Borgward B2300R ist die neueste Kreation der letzten Kleinmanufaktur vor der Schweizer Grenze, wie Jürgen Betz seine Uhrenschmiede gerne selbst bezeichnet. Die watchguide-Redaktion hat sie auf der Munichtime entdeckt und präsentiert sie nun im Hands-on-Praxistest.

Die B2300R – das R steht für Retrospective
Am Arm sieht die Uhr nicht nur im Nachtleben mit Lederjacke hervorragend aus
Das Zifferblatt der Retrospective versprüht einen wunderbaren Charme
Die abgerundete Zwiebelkrone ist nicht verschraubt und bietet dennoch wenig Angriffsfläche
Das durch den Glasboden sichtbare Uhrwerk bietet einen geschwärzten Rotor …
… und wird im Hause Borgward sorgfältig veredelt und einreguliert
Durch das Sichtfenster im Boden ist das sorgfältig finissierte Uhrwerk zu sehen
Das Lederband mit einfacher Dornschließe passt hervorragend zum Charakter der Uhr
Geliefert wird die B2300R in einem braunen Etui mit Typenschild, dieses stammt von der B511

Lange hegte Jürgen Betz den Wunsch, die Leidenschaft und Faszination der Borgward-Epoche und der daraus hervor gegangenen historischen Uhren auf eine neue Uhrenlinie zu übertragen. Nach der Ausbildung zum Techniker und einem Zwischenstopp in der Schmuck­industrie fand er den Weg in die Uhrenindustrie. Heute steckt Jürgen Betz sein ganzes Wissen und seine ganze Leidenschaft in jede einzelne seiner Uhren, inspiriert durch den Design- und Qualitätsanspruch damaliger Borgward-Automo­bile. Unter www.borgward-manufaktur.de sind die Uhren mit dem automobilen Ursprungsgeist erhältlich.

Unboxing

Das aus den Borgward-Modellen B2300 und B611 hervorgegangene Design der B2300R (das R steht für Retrospective) fanden wir so interessant, dass wir den Hands-on-Praxistest dieser Automatikuhr kaum erwarten konnten. So erhielten wir einen der wenigen Prototypen zum Test, denn zum Testzeitpunkt war die B2300R noch nicht einmal auf der Website des Herstellers aufgeführt.

Design

Gehäusegröße und Technik der Retrospective entsprechen weitestgehend dem Ursprungs-Modell B2300: Mit stattlichen 44 mm Gehäusegröße bei knapp 13 mm Bauhöhe ist die B2300R eine echte Männeruhr. Dabei finde ich ihr Design besonders gelungen: Das Zifferblatt entspringt der B611 und wurde noch einmal gleichsam auffälliger wie auch harmonischer. Einzig der althergebrachte Borgward-Charme wich in der schwarzen Variante einem modernen Auftreten, die braune Version geht als Vintage-Uhr durch.

Das auf das Zifferblatt aufgesetzte Firmenlogo harmoniert hervorragend mit der kannelierten Lünette. Auch wenn eine kannelierte Lünette sonst nicht so mein Ding ist, der B2300R steht sie einfach gut zu Gesicht. Auch die hochwertig verarbeiteten Zeiger harmonieren perfekt mit Zifferblatt- und Gehäusedesign. Was fehlt, ist die Nachtablesbarkeit, doch diese hätte das wundervolle Zifferblattdesign sicher nicht zum Positiven beeinflusst.

Selbst das Band passt perfekt zur Uhr. Die Modellnummer erinnert wiederum an ein Borgward-Automobil, diesmal handelt es sich um ein edles Sechszylinder-Modell. Das passt zum Statement der massiven Uhr.

Technik

Das mechanische Uhrwerk ETA 2824-2 aus der Schweiz besitzt wie derzeit alle Borgward-Uhren einen Automatikaufzug mit rund 40 Stunden Gangreserve, 25 Rubinlagersteinen und 28.800 Halbschwingungen pro Stunde sowie die heut­zutage übliche Incablock-Sicherung. Es gehört zu den geradezu unverwüstlichen Uhrwerken mit den besten Dauerläufer-Eigen­schaften.

Jürgen Betz ist ein so detailverliebter Perfek­tionist, was seine Uhren betrifft, dass er das Automatikwerk nicht nur mit einer eigenen Schwungmasse versieht, sondern mit seinen Mitarbeitern auch sorgfältig remontiert, mit Perlage und Côtes de Genève veredelt und einreguliert, damit es nicht nur schön anzusehen ist, sondern im Alltag auch möglichst lange möglichst genau läuft.

Ausstattung

Das 44 mm durchmessende und fast 13 mm hohe Stahlgehäuse ist erstklassig verarbeitet. Die kannelierte Lünette harmoniert wunderbar mit den wunderschön gebürsteten Gehäuseflanken und den formschönen Bandanstößen.

Das hervorragend zur Uhr passende Lederband ist nicht nur an der Uhr verschraubt, es trägt zusätzliche Ziernieten als Indiz seiner Hoch­wertigkeit. Auch wenn ich persönlich Falt­schließen bevorzuge, so muss ich gestehen, dass die einfache Dornschließe wunderbar zur B2300R passt.

Handling

Mit einer so großen und auch nicht besonders flachen Uhr stößt man unweigerlich einmal irgendwo an. Hier kommt der größte Vorteil des Designs zum Tragen: Die kannelierte Lünette ist praktisch stoßunempfindlich und bekommt im Gegensatz zu einer geraden Lünette keine unschönen Kratzer.

Des weiteren steht die Lünette über die Gehäuseflanken über, so dass auch diese weitestgehend vor Kratzern geschützt sind. Sogar die Bandanstöße sind nicht einfach flach, sondern kratzunempfindlich verrundet, außerdem kann sich das an der Uhr verschraubte Band nicht ungewollt lösen.

Die mittelgroße Krone ist zwar griffig, aber nicht verschraubt. Dafür ist auch sie mit ihrer abgerundeten Zwiebelform kaum anfällig gegen unsanfte Stöße. Auch das beidseitig verwendete kratzfeste Saphirglas schützt die Uhr vor allerlei Unbill. Die Druckfestigkeit beträgt 5 Bar, entsprechend einer (statischen) Wassertiefe von 50 m.

Eine so ausgestattete Uhr darf also gerne im Alltag getragen werden, ohne dass sie allzu schnell unansehnlich wird. Außerdem war ich beim Tragetest erstaunt, dass sich selbst diese große und mit Band rund 100 g schwere Uhr durchaus bequem am Handgelenk trägt – solange man sie nicht unter dem Hemdsärmel verstecken möchte.

Wertigkeit

Mit ihrer eigenständigen Gestaltung bietet die selten unter dem Hemdsärmel getragene B2300R einen immens hohen Wiedererkennungswert unter Kennern, denn bedingt durch die geringe Stückzahl ist sie derzeit eher ein Geheimtipp. Dennoch sieht jeder, dass es sich um eine hochwertige Uhr handelt, die mit viel Liebe zum Detail gestaltet wurde. Dennoch wurde ein Großserienuhrwerk verbaut, das auch in Jahrzehnten noch gewartet werden kann. Es macht eben durchaus Sinn, nur den Rotor als Spezialteil einzusetzen und nicht gleich das ganze Uhrwerk.

Fazit

Bei der Borgward B2300R handelt es sich um die perfekte Uhr, wenn man diese Designvariante und den Mythos um die Automobilmarke mag – und nichts dagegen hat, eine richtige Männeruhr zu tragen. Die Borgward Retrospective macht sowohl im Business als auch in der Freizeit eine gute Figur, sie passt zur Jeans wie zum Anzug, zur Limousine wie zum Cabrio. Wer nur eine Uhr sein Eigen nennen möchte, trägt mit der Borgward also stets die richtige Uhr zu allen Gelegenheiten, die überdies aller Voraussicht nach den Alltag unbeschadet überlebt und selbst in Jahrzehnten noch repariert werden kann. Zudem mag man die B2300R bei diesem gelungen modernisierten Vintage-Design kaum jemals wieder ablegen …

Test, Text und Fotos: René Roland Katterwe

Bezugsquelle

Firma: Zeitmanufaktur GmbH & Co. KG

Straße: Markgrafenstraße 16

Ort: 79588 Efringen-Kirchen

Web: www.borgward.ag

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