Chronograph mit Schaltradkaliber

Der GT8 von L&F Mechanik kann auf der Internetseite des Herstellers konfiguriert werden. Er besitzt ein chinesisches Handaufzugswerk mit Stoppfunktion. Wie gut übersteht die Uhr den umfangreichen watchguide Hands-on-Praxistest?

Die riesige Krone deutet unübersehbar auf das Handaufzugswerk hin
Mit diesem Lederband wirkt die markante L&F Mechanik GT8 extrem sportlich
Das Stahlband gibt der Uhr eine völlig andere, weniger auffällige Wirkung am Arm
Bei dieser Variante sind die Stoppuhrzeiger und der Minutentotalisator rot
Hier wurden die Zeiger ebenfalls rot gewählt, der Minutentotalisator ist grün
Handaufzugswerke sehen unter Glas besonders schön aus, da kein Rotor die Zahnräder verdeckt
Bei dem chinesischen Handaufzugs-Chronographenwerk handelt es sich um ein Schaltradkaliber
Nebst etlichen Lederbändern ist auch ein Metallgliederband mit Sicherheitsschließe erhältlich
Die Uhrenbox passt hervorragend zur rot-schwarzen GT8 mit dem entsprechenden Lederband

Uhren mit chinesischen Uhrwerken werden in Uhrenforen gerne als „China-Böller“ verunglimpft. Zu Recht? Da das von L&F Mechanik im GT8 verwendete Chronographenwerk des chinesischen Herstellers und Marktführers Seagull unter den chinesischen Uhrwerken einen ausgezeichneten Ruf genießt, habe ich unter www.lf-mechanik.de den GT8 in meiner Wunschfarbe konfiguriert und noch eine zweite Farbvariante zum Test erhalten.

Früher habe ich mir selbst einmal eine Uhr mit chinesischem Uhrwerk gekauft, einen Armbandwecker mit Handaufzug in wunderschönem Design, denn Armbandwecker mit Handaufzug sind sehr selten. Getragen habe ich die Uhr nie, aus Angst vor einem wenig robusten Uhrwerk. Irgendwann habe ich sie dann ungetragen wieder verkauft, während meine Bekannten ihre „China-Böller“ unbekümmert getragen haben, da sie ja nicht wussten, dass das Uhrwerk vielleicht schon morgen kaputt gehen kann. Die Uhren selbst wussten es offenbar auch nicht ...

Sie sehen schon: Der Ruf chinesischer Uhrwerke war damals nicht der beste. So freue ich mich nun darauf, eine chinesische Uhr einem Alltagstest zu unterziehen. Ist der erfolgreich, können Sie beruhigt einen GT8 mit chinesischem Handaufzugswerk kaufen. Dementsprechend habe ich entgegen meiner sonstigen Gewohnheit den Praxistest dieses Chronographen von einem Tag auf einige Wochen permanenter Nutzung ausgedehnt. 

Unboxing

Chronographen sind Männerspielzeug. Mit einem Chronographen stoppt heute niemand mehr die Runden auf der Auto- oder Pferderennbahn, bestenfalls noch die Kochdauer des Frühstückseies oder die Ziehzeit des Tees. Dennoch macht diese Uhr einfach mehr her als eine einfache Dreizeigeruhr.

Design

Der L&F Mechanik Chronograph ist mit 44 mm Durchmesser eine echte Männeruhr. Sportlich, markant, dominant. Uhrendesign und Armband können im Webshop des Herstellers in 36 Varianten selber konfiguriert werden, es stehen zwei Zifferblatt- und zwei Zeigerfarbversionen sowie mehrere Armbänder zur Auswahl. Als Besonderheit zeigt der Konfigurator die ausgesuchte Designvariante in einer drehbaren 360°-Ansicht. Das ist wenigstens ansatzweise eine Alternative zum Anprobieren einer Uhr beim Juwelier. Wenn jetzt noch der passende Arm mit eingeblendet würde ...

Trotz der stark spiegelnden Zeiger ist die Ablesbarkeit aufgrund der weißen Leuchtmasse am Tag erstaunlich gut. Ein komplett mit Leuchtmasse belegter Zeiger wäre noch besser ablesbar, der teilskelettierte Zeiger passt allerdings besser zur Uhr. Für eine perfekte Nachtablesbarkeit fehlen Leuchtindexe auf dem Zifferblatt. Der kleine Sekundenzeiger verliert sich etwas vor dem ebenfalls stark spiegelnden Sekundentotalisator, was nicht tragisch ist, denn die wichtigeren Stoppzeiger lassen sich mitsamt ihrer Skalen hervorragend ablesen. Ein liebevolles Detail ist die Minuterie auf der Innenseite der Lünette, die lässt mich das einfach nur bedruckte Zifferblatt verschmerzen.

Die riesige Krone passt auf den ersten Blick so gar nicht zur Uhr und zu den deutlich kleineren Drückern. Ich persönlich finde die ungewöhnliche Krone sehr gelungen, da sie nicht in üblicher „Big Crown“-Manier besonders dick ausgeführt ist (und dann eindeutig zu viel Drehmoment auf die Aufzugsfeder geben würde), sondern der Uhr mit ihrer Länge eine gewisse Eigenständigkeit verleiht, mit einem unübersehbaren Hinweis auf ein Handaufzugswerk, denn welchen Sinn würde eine solche Krone bei einem Quarzwerk oder auch Automatikuhrwerk machen? Sie polarisiert beim Betrachten, ja provoziert geradezu neugierige Fragen, auf die Mann sich dann als Uhrenkenner outen und das Handaufzugswerk erklären kann.

Technik

Über das Uhrwerk habe ich eben schon gesprochen bzw. geschrieben. Was oben nicht erwähnt wurde, ist die Tatsache, dass ein Handaufzugs-Chronograph heute genauso selten ist wie der eingangs erwähnte Handaufzugswecker. Nachdem russische Uhrenfirmen die Produktion beider Kategorien eingestellt haben, gibt es Handaufzugs-Chronographen nur noch von edlen Premiummarken mit Manufakturwerk.

Wozu überhaupt einen Handaufzugs-Chronographen? Gegenüber der Automatikvariante hat er einen entscheidenden Vorteil: Das im Durchmesser recht große Chronographenwerk ist in der Bauhöhe ein wenig flacher. Dementsprechend wäre der GT8 mit Automatikwerk mindestens stattliche 15 mm hoch, so sind es gut tragbare 14 mm.

Das verwendete Seagull-Handaufzugswerk besitzt eine Stoppfunktion mit Schaltrad. Die meisten derzeit erhältlichen mechanischen Chronographen haben eine Kulissenschaltung, so auch die beliebte ETA-Valjoux-7750-Baureihe aus der Schweiz. Dass nun ausgerechnet das hier verwendete chinesische Handaufzugswerk ein bei Uhrmachern prinzipiell hoch angesehenes Schaltradkaliber ist, halte ich persönlich für eine kleine Sensation in dieser Preisklasse. Dass die Drücker zur Bedienung der Stoppuhr nicht annähernd so satt einrasten wie bei Uhrwerken Schweizer Produktion und auch die Aufzugskrone eine schlechtere haptische Rückmeldung gibt und keinesfalls überdreht werden darf, kann ein preisbewusster Käufer durchaus verschmerzen.

Das chinesische Seagull-Handaufzugswerk TY2901 ist mit seinen für diese Bauform typischen 21.600 Hz schneller als die meisten Dreizeiger-Handaufzugswerke und langsamer als die meisten Automatikuhrwerke, automatische Chronowerke aus der Schweiz sowie die neueren aus China eingeschlossen. Ein Manko des Werkes ist die recht kurze Gangreserve von maximal 30 Stunden, regelmäßiges tägliches Aufziehen zur in etwa gleichen Uhrzeit ist also für einen genauen Gang unabdingbar. Damit Sie jetzt nicht erschrecken: Ich habe die Uhr immer zwischen 8:00 und 12:00 Uhr aufgezogen, also ganz bewusst die 30 Stunden ausgenutzt – sie ging im Test dennoch immer minutengenau.

Was die Servicefreundlichkeit angeht, so braucht es bei einem chinesischen Uhrwerk einen verlässlichen Partner wie L&F Mechanik, da hier nicht jeder Uhrmacher weiterhelfen kann. Während wir vom Kauf der Copywatch im Urlaub abraten, ist beim TY2901 die Ersatzteilversorgung gesichert, zumal es sich um ein Uhrwerk des chinesischen Marktführers Seagull handelt.

Dennoch muss an dieser Stelle angemerkt werden, dass das Uhrwerk hier und da einen kleinen Grat besitzt und lange nicht so sauber ist wie ein unter Reinraumbedingungen gefertigtes Werk aus der Schweiz. Auch läuft das Zahnrad, welches das Sekundenrad antreibt, nicht gerade auf seiner Achse und somit nicht ganz plan. Alles kein Grund, die Uhr nicht zu kaufen, aber eben doch ein Hinweis auf den deutlich günstigeren Preis. Außerdem kommt bei einer Rolex, Breitling oder IWC etc. niemand auf die Idee, die Uhr mit der Lupe zu inspizieren, ausgerechnet bei preiswerten Uhren ist dies jedoch etwas unfair.

Ausstattung

Stahl ist bei einem Chronographen das Gehäusematerial der Wahl. Robust, aufpolierbar und ausdrucksvoll. Die gerade, ja fast schon kantige Gehäuseform trägt ihr Übriges zur markanten Wirkung bei. Die leicht angeschrägte Lünette mindert die Anfälligkeit für Kratzer. Die für den Handaufzug notwendige große Krone ist - wie auch die Drücker - ungeschützt.

Das kratzfeste Saphirglas vorne ist beidseitig entspiegelt, für die Rückseite wurde Mineralglas verwendet. Der Boden ist mitsamt Glaseinsatz verschraubt, Krone, Drücker und Bandstege sind es leider nicht. Die Metallbandschließe bietet eine Feinjustagemöglichkeit für Sommer und Winter.

Handling

Auch als Handaufzugsuhr ist die GT8 bis 10 ATM druckfest, das entspricht einer statischen Wassersäule von 100 m über dem Uhrglas und reicht für die meisten Anwendungsfälle im Alltag inklusive Wassersport aus, solange die Drücker unter Wasser nicht betätigt werden. Allerdings sollte eine Handaufzugsuhr beim Uhrmacher häufiger als eine Automatikuhr auf Wasserdichtigkeit geprüft werden, insbesondere nach jahrelangem Tragen, bevor man sie beim Schwimmen am Arm belässt.

Auch wenn es sich bei der L&F Mechanik GT8 um eine große Uhr handelt, schwer ist sie mit ihren 100 g ohne Band nicht, und das macht sie noch attraktiver für mich, denn ich persönlich mag zwar markante Uhren, brauche aber nichts Schweres am Handgelenk. Sprich: Das Tragegefühl ist, gemessen an der Größe der Uhr, exzellent. Nur das An- und Ablegen der Uhr erfordert aufgrund des anfangs etwas störrischen Lederbandes in den ersten Tagen ein wenig mehr Aufmerksamkeit. 

Wertigkeit

Einem chinesischen Uhrwerk werden schlechtere Langlaufeigenschaften bzw. eine kürzere Laufzeit ohne Gangabweichungen nachgesagt. Auch die Lebensdauer wird evtl. nicht diejenige eines Schweizer Werkes erreichen. Diese Erfahrungswerte stammen jedoch aus den Anfängen der chinesischen Uhrmacherei. Die Chinesen lernen dazu, ihre Uhrwerke werden besser und von gerade neu gebauten Uhrwerken liegen noch keine Langzeiterfahrungen vor. Diese werden nicht schlechter ausfallen als bei früher gebauten Werken. 

Fürs Erste machen sowohl die Uhr als auch das Uhrwerk einen grundsoliden Eindruck und ich wüsste nicht, warum sie dem Käufer nicht jahrelang Freude bereiten sollte. Geht sie dann nach Jahren irreparabel kaputt, gibt es zum Preis einer Revision gleich eine neue Uhr. Auch wenn ich persönlich dieser Wegwerfmentalität kritisch gegenüberstehe, lohnt es sich für Uhrenkäufer, dieses einmal durchzurechnen. Bedenkenlos kaufen können Sie die Uhr, wenn Sie sie nicht ständig an Ihrem Handgelenk tragen, sondern mehrere Uhren besitzen und diese häufig wechseln. 

Fazit

Ich schätze mich glücklich, Ihnen mit der L&F Mechanik GT8 eine preiswerte Alternative zu teuren Chronographen der Premiummarken empfehlen zu können. Wenngleich die Wertigkeit einer Premiummarke lange nicht erreicht wird, so hat die Uhr doch ein unbestreitbar tolles Design. Die Konfigurierbarkeit im Internet ist ein nettes Gimmick. Die chinesische Herkunft des Handaufzugs-Chronographenwerkes nehme ich bei diesem Preis gerne in Kauf, zumal es sich um ein echtes Schaltradkaliber des Marktführers Seagull handelt, welches zwar nicht die Bedienung und die Finissierung eines Schweizer Werkes aufweisen kann, dafür aber mitsamt Uhr preiswerter ist als das Schweizer Werk alleine. Das ist uns einen Preis-Tipp wert!

Test, Text und Fotos: René Roland Katterwe

Bezugsquelle

Firma: L&F Mechanik

Straße: Gropiusstraße 3

Ort: 31137 Hildesheim

Onlineshop: www.lf-mechanik.de

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